Interview mit GA Dr. Walter Rothensteiner

Auszug aus dem Interview mit ÖRV-Generalanwalt Dr. Walter Rothensteiner zum Auftakt des Jubiläumsjahres (vgl. Raiffeisenzeitung 1-2/2018 vom 11. Jänner 2018)

 

„Raiffeisen = Zukunft!“

Am 30. März 2018 jährt sich der Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen zum 200. Mal. Damals wie heute bewegt seine Idee Menschen und Märkte. Lesen Sie im Interview mit ÖRV-Generalanwalt Walter Rothensteiner, warum das Raiffeisen-Jahr 2018 mehr ist als eine Gedenkveranstaltung und welche Wirkungskraft Genossenschaften auch heute haben.

Das Jahr 2018 steht – neben anderen Jubiläen – auch ganz besonders im Zeichen von Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Welche Bedeutung hat seine Genossenschaftsidee heute?

Walter Rothensteiner: Jedenfalls eine größere, als viele denken! Rund um den Globus wirtschaften heute mehr als 800 Millionen Menschen in 900.000 Genossenschaften. Ein Gutteil davon ist „nach dem System Raiffeisen“ aufgebaut, wie man das oft etwas sperrig ausdrückt – also in der auf Raiffeisen zurückgehenden Organisationsform. Zudem gehen Experten davon aus, dass unabhängig von der Mitgliedschaft an die drei Milliarden Menschen direkt oder indirekt von Genossenschaften profitieren. Demnach sind Genossenschaften weltweit, nicht nur in Österreich, ein wesentlicher Faktor und tragen dazu bei, das Leben vieler Menschen besser zu machen.

Warum hat die Idee Raiffeisens Ihrer Meinung nach so viele Jahre überlebt und auch weltweit Niederschlag gefunden?

Rothensteiner: Erstens, weil Raiffeisens Ansatz eigentlich ganz einfach ist: Mehrere gemeinsam – und gut organisiert – können mehr erreichen als einer allein. Nur tun muss man es. Genau dazu hat Raiffeisen seine Zeitgenossen angeleitet. Und der Erfolg gab ihm schon zu Lebzeiten Recht. Als Bürgermeister einiger kleiner Dörfer im Westerwald hat er es geschafft, in schwierigster Zeit die Lebensumstände deutlich zu verbessern. Damit machte er von sich reden. Seine Schriften fanden Verbreitung und Nachahmer in ganz Europa und weit darüber hinaus.

Und zweitens: Seine Idee begeistert, weil ihre Grundmelodie ins Ohr geht. Damals wie heute und quer durch alle Kulturen: Regionalität, Subsidiarität und Solidarität – oder moderner ausgedrückt: Nähe, Eigenverantwortung, Miteinander. Dieser Dreiklang ist eine gesunde Basis. Menschen werden aktiv, begegnen einander auf Augenhöhe, übernehmen gemeinsam Verantwortung. Und haben dabei ihr aller Wohl im Blick und nicht nur den Profit Einzelner. Auf diesen Grundlagen zu wirtschaften hat sich bewährt und ist ebenso erfolgreich wie nachhaltig.

Gibt es Bereiche, für die sich Genossenschaft besonders eignet?

Rothensteiner: Wenn wir hierzulande „Raiffeisen“ hören, kommen natürlich zuerst Banken und Lagerhäuser in den Sinn. Raiffeisen-Kenner denken vielleicht auch noch an Milchwirtschaft und Molkereien. Aber diese drei Gruppen zusammen bilden nur ein Drittel aller 1.500 Raiffeisen-Genossenschaften in Österreich – wenn auch ein sehr starkes. Das Spektrum, in dem wir tätig sind, ist aber viel breiter: Energiewirtschaft, Nahversorgung, therapeutische Angebote, Car-Sharing, Immobilienbewertung, Obst- und Weinbau, Gastronomie etc. Viele Betriebe in diesen Bereichen und quer durch alle Bundesländer sind genossenschaftlich organisiert. Und wenn ich an Themen wie Gesundheitsvorsorge und vor allem Pflege denke, dann sehe ich auch noch einiges an Zukunftspotenzial. Je intensiver man sich mit der Genossenschaftsidee beschäftigt, umso mehr entdeckt man: Für viele drängende Fragen unserer Zeit bietet sie ein perfekt zugeschnittenes Lösungsmodell.

Welches Zitat fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Friedrich Wilhelm Raiffeisen denken?

Rothensteiner: Der Klassiker ist natürlich das oft zitierte „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.“ Wichtig finde ich aber auch einen Gedanken, den Raiffeisen öfters und bei verschiedenen Gelegenheiten wiederholte. Da sagte er in etwa: Heutzutage – also damals vor 160 Jahren – ist die Meinung sehr verbreitet: Wenn die gesellschaftliche Entwicklung so weitergeht, dann wird es bald nur mehr Millionäre und Bettler geben – und letztere werden erstere totschlagen. Raiffeisens Antwort damals: Genossenschaften sind eine mögliche Alternative, um den Mittelstand zu erhalten und so zu stärken, dass er nicht zwischen den beiden genannten Extremen aufgerieben wird. Ich denke, das ist eine wirklich zeitlos gültige Ansage. Und das sollten wir auch heute vor Augen haben! Raiffeisen – das heißt in der Mitte der Gesellschaft sein. Und diese Mitte nach Kräften zu stärken.

Und dennoch tun sich gerade traditionelle Genossenschaften oft schwer, ihre Daseins­berechtigung oder besser ihr Alleinstellungsmerkmal Nutzen verständlich zu machen …

Rothensteiner: Keine Frage – eine Carsharing-Genossenschaft wirkt auf den ersten Blick vielleicht zeitgemäßer als eine genossenschaftliche Bank, die vor 90 Jahren gegründet wurde. Noch dazu, wo die vielfach so bezeichnete Finanzkrise dem Image von Banken generell schwer zugesetzt hat. Oft genug wurden auch unsere lokal tätigen Raiffeisenbanken mit in diesen Topf der öffentlichen Meinung geworfen – obwohl gerade sie die Krise nicht mitverursacht haben. Das Gegenteil war der Fall: Gerade in diesen turbulenten Jahren haben sie sich als Stabilitätsanker und verlässliche Partner für ihre Kunden und die Wirtschaft erwiesen. Nur passt dieser echte und positive Unterschied meist nicht in eine Schlagzeile und wird dementsprechend von vielen Menschen auch nicht ausreichend wahrgenommen. Aber sehnen sich nicht gerade heute viele – und besonders wenn es um ihr Geld geht – wieder nach Transparenz, Verlässlichkeit, Sicherheit und Nähe? Ich bin überzeugt, dass genau deshalb das heurige Raiffeisen-Jubiläumsjahr eine gute Gelegenheit ist, wieder neu zu betonen und zu erklären, dass unser Geschäftsmodell genau diese Erwartungen erfüllt.

Was würden Sie Friedrich Wilhelm Raiffeisen gerne fragen, hätten Sie noch die Möglichkeit dazu?

Rothensteiner: Leichter fällt mir zu sagen, was ich ihn sicher nicht fragen würde: Nämlich irgendwelche Spitzfindigkeiten zur Auslegung seiner Schriften. Da geht es – denke ich – heute vielmehr darum, ihn in seiner Grundidee wahr- und ernst zu nehmen und diese dann angepasst an die Umstände der jeweiligen Gegend und Zeit zu leben. Aber vielleicht würde ich ihn fragen, ob er je seinen Landsmann und Jahrgangskollegen Karl Marx getroffen hat. Auch der würde ja 2018 den 200. Geburtstag feiern. Die Historiker gehen davon aus, dass der eine wohl jeweils die Schriften des anderen kannte – aber ob es je zu einer persönlichen Begegnung oder gar zu einem Streitgespräch der beiden kam? Fest steht – und diese Spitze sei mir erlaubt: Gemeinsam haben beide das Geburtsjahr. Der Unterschied: Marx hat zwar über das Kapital geschrieben – seine Theorien sind aber in der Praxis kolossal gescheitert. Raiffeisen hat es geschafft, das Kapital in den Dienst der Menschen zu stellen. Seine Idee lebt – und wird gelebt.

Dennoch – und vielleicht etwas provokant gefragt: „Friedrich Wilhelm Raiffeisen, 1818–1888“ – gerade jüngere Menschen schalten da womöglich schon aufgrund der Jahreszahlen ab, wenn sie das hören?

Rothensteiner: Mag sein. Daher haben wir für das Jubiläumsjahr in Österreich auch ganz bewusst „Raiffeisen 200. Die Kraft der Idee.“ als Jahresmotto gewählt. Raiffeisen als Person ist das eine. Ihn kennen wir quasi nur von Bildern in Schwarz-Weiß und aus alten Büchern in etwas angestaubtem Deutsch. Aber Raiffeisen als Idee – das ist jung, das ist bunt, das hat Kraft und Dynamik. Wenn Sie der nächsten Generation sagen: „Du bist nicht allein! Du kannst dich einbringen und etwas verändern! Bei Raiffeisen gehen wir ordentlich miteinander um – mit den Mitmenschen, den Mitarbeitern, mit unserer Umwelt. Und unser Ziel ist: Unsere Region – und damit letztendlich die Welt, in der wir leben – ein Stück weit besser zu machen.“ Dann gehen die Ohren auf. Dann trifft das den Nerv gerade auch der nächsten Generation. Und das wäre meines Erachtens der schönste Erfolg dieses Jahres. Wenn als Botschaft im Ohr bleibt: Raiffeisen = Zukunft!

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zur Person:

Dr. Walter Rothensteiner, Jahrgang 1953, ist seit 1975 in verschiedensten Unternehmen und Funktionen des Österreichischen Raiffeisen-Sektors tätig, zuletzt 1995 bis 2017 als Vorstandsvorsitzender und Generaldirektor der Raiffeisen Zentralbank Österreich und seit 2012 als gewählter Generalanwalt des Österreichischen Raiffeisenverbandes.