Der Mensch

Er hat seine Heimat nie verlassen - aber seine Idee machte weltweit Karriere. Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Der Vordenker aus dem Westerwald.

Vom Oberfeuerwerker zum Genossenschafts-Pionier.

Eigentlich will Friedrich Wilhelm Raiffeisen ja Offizier werden. Er stammt aus bescheidenen Verhältnissen, an ein Studium ist nicht zu denken. Einziger Ausweg: eine Karriere beim Militär. Doch sein stetig zunehmendes Augenleiden durchkreuzt auch diese Pläne – mit gerade einmal 25 steht er vor dem Nichts. Raiffeisens zweite Chance: Ein kleiner Bürgermeister-Posten im Westerwald. Das Ergebnis: verändert die Welt.

30. März

30. März

Friedrich Wilhelm Raiffeisen wird in Hamm an der Sieg geboren. Er ist das drittjüngste von neun Kindern. Nachdem sein Vater Gottfried Friedrich Raiffeisen aufgrund unrühmlicher Vorfälle sein Bürgermeisteramt verliert, bringt Raiffeisens Mutter Amalie Susanna Maria die Familie alleine durch.

1818
Christliche Prägung

Christliche Prägung

Raiffeisen besucht die Volksschule und erhält zusätzlich Privatunterricht von Patenonkel Pfarrer Georg Seippel. Die christliche Nächstenliebe wird zum prägenden Element seines Lebens.

1820er Jahre
Berufsziel Offizier

Berufsziel Offizier

Die Familie ist arm, an einen Hochschulbesuch ist nicht zu denken. Also meldet sich Friedrich Wilhelm im Alter von 17 Jahren freiwillig zum Militärdienst und beginnt die Offizierslaufbahn in der preußischen Armee.

1835
Geprüfter „Oberfeuerwerker“

Geprüfter „Oberfeuerwerker“

Raiffeisen beendet erfolgreich seine Ausbildung zum „Oberfeuerwerker“ – also zum Munitionsfachmann – und wird seinem ersten Dienstposten zugeteilt. Ein Augenleiden durchkreuzt jedoch die geplante militärische Karriere.

1840er-Jahre
Beamtenanwärter

Beamtenanwärter

Mit Hilfe seines Onkels erhält Raiffeisen zunächst eine Stelle als unbezahlter Beamtenanwärter. Wenig später kann er als Kreissekretär seinen ersten besoldeten Posten antreten.

1843
1. Bürgermeisterposten

1. Bürgermeisterposten

Mit gerade einmal 27 Jahren wird Raiffeisen Bürgermeister der Kleingemeinde Weyerbusch im Westerwald. Sofort initiiert er den Bau einer Schule, reformiert die Verwaltung und plant selber ein befestigtes Straßennetz. Im selben Jahr heiratet er die Apothekertochter Emilie Storck.

1845

Schnee im Hochsommer

Vulkanausbrüche in Asien und im Pazifik verursachen Klimaveränderungen in ganz Mitteleuropa. Im August 1846 fällt im Westerwald Schnee, Ernten werden vernichtet, die Lebensmittelpreise explodieren. Der folgende „Hungerwinter“ wird zur mitteleuropäischen Katastrophe.
Ein kurzer Ausschnitt einer 1958 entstandenen Fernsehdokumentation über das Leben und Wirken Raiffeisens schildert – natürlich ganz im Stil der damaligen Zeit – diese Ereignisse.
Quelle: Archiv des Historischen Vereins bayerischer Genossenschaften

1846
Mit Brot gegen den Hunger

Mit Brot gegen den Hunger

Raiffeisen gründet den „Weyerbuscher Brodverein“ zur Verteilung von Lebensmitteln, dann für den gemeinsamen Bezug von Saatgut und Kartoffeln. Das bald darauf errichtete Gemeindebackhaus gilt als seine erste genossenschaftsähnliche Einrichtung.

1847
Ein neuer Posten in unruhiger Zeit

Ein neuer Posten in unruhiger Zeit

Raiffeisen erhält die größere Bürgermeisterei Flammersfeld mit 33 Ortschaften und über 3.000 Einwohnern. Im gleichen Jahr veröffentlichen Marx und Engels in London das Kommunistische Manifest. In vielen Teilen Europas kommt es zu Revolutionen – ganz anders Raiffeisens Weg: Nicht Umsturz sondern Hilfe zur Selbsthilfe: Er gründet den „Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte.“

1848
Noch mehr Verantwortung …und Sorgen

Noch mehr Verantwortung …und Sorgen

Raiffeisen wird Bürgermeister von Heddesdorf (heute Neuwied) und trägt nun Verantwortung für 9.000 Menschen. Hautnah erlebt er die negativen Auswirkungen der Industrialisierung.

1852
Ein Verein lindert die Not

Ein Verein lindert die Not

Auf Raiffeisens Anregung entsteht der „Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein“. Dieser vergibt Darlehen an Bedürftige und kümmert sich zusätzlich um Arbeitslose, verwahrloste Kinder und entlassene Sträflinge.

1854
Von der Wohltätigkeit zur Selbsthilfe

Von der Wohltätigkeit zur Selbsthilfe

Raiffeisen muss erkennen, dass Wohltätigkeit und die von ihm immer wieder betonte christliche Nächstenliebe keine nachhaltige Grundlage für seine Vereine boten. Zunehmend stellt er den Gedanken der Selbsthilfe in den Vordergrund.

1860er-Jahre
Schreibtischtäter? Fehlanzeige!

Schreibtischtäter? Fehlanzeige!

In Heddesdorf wütet die Typhus. Raiffeisen steht den Menschen bei, besucht Kranke und infiziert sich dabei selbst. Seine eigene gesundheitliche Lage verschlechtert sich dadurch weiter. Wiederkehrende nervöse Störungen verschlimmern auch sein Augenleiden.

1862
Die erste Darlehenskasse

Die erste Darlehenskasse

Der von Raiffeisen initiierte Wohltätigkeitsverein in Heddesdorf wird in eine Darlehenskasse umgewandelt und verpflichtet die Kreditnehmer erstmals zur Mitgliedschaft. Von den Mitgliedern selbst verwaltet, wird er zum Urtyp moderner Genossenschaften.

1864
Zwischenstation Zigarrenfabrik

Zwischenstation Zigarrenfabrik

Mit 47 Jahren ist Raiffeisen fast vollständig erblindet und wird aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand versetzt. Zur Aufbesserung der kleinen Pension gründet er – eher erfolglos – eine Zigarrenfabrik und später eine etwas ertragreichere Weinhandlung.

1865
Ein Blinder schreibt ein Buch

Ein Blinder schreibt ein Buch

Mit tatkräftiger Unterstützung seiner Tochter Amalie veröffentlicht Raiffeisen sein berühmtes Werk „Die Darlehenskassen-Vereine“, in dem er die Grundsätze seiner Genossenschaftsidee und seine Erfahrungen festhält. Das Buch ist rasch vergriffen und wird vier Mal neu aufgelegt. In viele Sprachen übersetzt bildet es die Basis für Neugründungen in aller Welt.

1866
Gefragter Mann

Gefragter Mann

Raiffeisen widmet sich voll und ganz der Verbreitung der Darlehenskassen-Vereine. Er publiziert Schriften, unternimmt Vortragsreisen, empfängt Delegationen und korrespondiert mit aller Welt.

1870er Jahre
Erste Zentralinstitute

Erste Zentralinstitute

In Anwesenheit Raiffeisens gründen elf Darlehenskassen erstmals eine Zentralkasse. Durch diese Geldausgleichsstelle können die Vereine sich gegenseitig finanziell unterstützen – sie wird zum Vorbild für die heutigen Raiffeisen-Landesbanken.

1872
Raiffeisens Idee erreicht die Nachbarländer

Raiffeisens Idee erreicht die Nachbarländer

Das neue Modell der „Hilfe zur Selbsthilfe“ funktioniert und macht auch international von sich reden. Zahlreiche Delegationen suchen die Begegnung mit Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Darunter Abgesandte aus der Steiermark, Wien und Niederösterreich.

1880er Jahre

Raiffeisens Ideen finden Verbreitung über Deutschlands Grenzen hinaus. In Lorregia/Italien wird eine Kreditgenossenschaft nach Raiffeisens Konzept errichtet.

1883
Mühldorf bei Spitz

Mühldorf bei Spitz

In Mühldorf bei Spitz in der Wachau wird die erste Raiffeisengenossenschaft im heutigen Österreich gegründet. An der Gründungsversammlung nehmen 94 Bauern, Handwerker und Gewerbetreibende teil.

1886
Das letzte Jahr

Das letzte Jahr

Obwohl sein Gesundheitszustand immer schlechter wird, treibt Raiffeisen die Entwicklung der Genossenschaften voran. 1887 erscheint die fünfte und letzte Auflage seines Buchs: „Die Darlehenskassen-Vereine“. Hier finden Sie das Buch online: www.rrv.at/darlehenskassenvereine.pdf

1887
11. März

11. März

Wenige Tage vor der geplanten Verleihung der Ehrendoktorwürde stirbt Friedrich Wilhelm Raiffeisen im Alter von 69 Jahren und wird auf dem Heddesdorfer Friedhof begraben. Zum Zeitpunkt seines Tods sind über 400 Spar- und Darlehenskassenvereine aktiv.

1888
Ehrendes Andenken

Ehrendes Andenken

In Neuwied wird ein Denkmal für Friedrich Wilhelm Raiffeisen errichtet. Eine Büste befindet sich auch im ehem. Niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Herrengasse.

1902
Straße & Brücke

Straße & Brücke

Die B256 zwischen Hamm und Neuwied wird in „Historische Raiffeisenstraße“ umbenannt. Startpunkt ist die 485 Meter lange Raiffeisenbrücke, die den Rhein bei Neuwied überquert.

1984
Raiffeisen-Museum Flammersfeld

Raiffeisen-Museum Flammersfeld

In Raiffeisens ehemaligem Amtshaus in Flammersfeld wird eine Gedenkstätte eingerichtet. Auch der Österreichische Raiffeisenverband unterstützt das Projekt tatkräftig.

1996
Internationales Jahr der Genossenschaften

Internationales Jahr der Genossenschaften

Die Vereinten Nationen rufen das Internationale Jahr der Genossenschaften aus, denn: „Genossenschaften zeugen davon, dass es möglich ist, wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung zu vereinbaren.“ – so der damalige UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon.

2012
Weltkulturerbe

Weltkulturerbe

Auf Antrag von Raiffeisens Heimatland Deutschland werden „Idee und Praxis der Genossenschaft“ von der UNESCO zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt. Anerkennung einer großen Vergangenheit. Und zugleich Auftrag: Die Zukunft liegt im Miteinander

2016

Raiffeisen 200

Pünktlich zum 200. Geburtstag von Friedrich Wilhelm Raiffeisen entstand in Kooperation von ORF, SRF, Rai Südtirol und Internationaler Raiffeisen Union eine neue Hochglanz-TV-Dokumentation mit Experteninterviews und Schauspielszenen: Markus Meyer, Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, als Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Helena Scheuba als seine Tochter Amalie.
Quelle: ÖRV/inspiris-Film

2018